Kategorie: Amadé

  • Amadé

    IV. Überraschungen

    Bereits dem Sommer nah hatte sich der Frühling in seiner ganzen Pracht entfaltet. Die Luft war angenehm lind, erfüllt von tausend Düften, der Regen mild, wenn es mal goss, und die Sonne schon warm. Überall wuchsen und blühten die Pflanzen, einige Schmetterlinge, auch Hummeln, Bienen und Mücken waren zurückgekehrt. Die Vögel sangen ihre Hochzeitslieder und vollführten die Balztänze. Amadés Vorratskammer war stets gut gefüllt und er selbst freute sich des Lebens.

    Draußen machte er zunehmend größere Erkundungstouren, vornehmlich auf dem umzäunten Land, das zu dem Haus gehörte, in dem der Schwarzkittel mit seiner Familie wohnte. Von den Menschen hatte er die Bezeichnung „Pfarrgarten“ dafür aufgeschnappt.

    In der hinteren Ecke, am Rande der Wiese und zwischen ein paar Büschen, stand ein Holzverschlag, ein Komposter. Hierhin brachte die Frau manchen Abfall aus Haus und Küche, Gemüsereste, Obst- und Eierschalen, Kaffee- und Teesatz, verblühte Schnittblumen und dergleichen. Der „Herr Pfarrer“ aber beseitigte dort den Grasschnitt, Laub und gehäckseltes Holz vom Beschneiden und Fegen im Garten.

    Amadé kam gern hierher, denn oftmals gab es für ihn Leckeres zu schnabulieren. Als er wieder einmal die Runde machte, überraschte er auf dem Komposthaufen einen großen, stache-ligen Kerl. „Wer bist denn du und was machst du da?“ rief er erbost.

    Der Große hob den Kopf, blinzelte mit den Augen und schnauz-te zurück: „Was willst du Krümel? Sei gefälligst höflich! Zunächst mal sagt man ‚Guten Tag‘. Sodann war ich zuerst hier und könnte dich fragen, wie du dazu kommst, mich zu stören. Und dann wollte ich gerne wissen, wie du heißt!“

    Der Mäuserich zuckte zusammen und ließ die Standpauke über sich ergehen. Nachdem der Stachlige damit zu Ende war, antwortete er leiser und freundlich: „Für mein Verhalten von eben bitte ich vielmals um Entschuldigung, es war nicht böse gemeint. Mein Name ist Amadé Mulot und ich wünsche Ihnen natürlich einen guten Tag.“

    „Na also, geht doch“ knurrte der Stachelberg. Amadé jedoch fuhr erklärend fort: „Es überraschte und erschreckte mich nur so, Ihnen ausgerechnet hier in der Nähe von Menschen zu begegnen. Viele von uns meiden sie gewöhnlich. Außerdem hatte ich plötzlich das unangenehme Gefühl, Sie wollten die Leckerbissen verputzen, die ich gelegentlich hier finde, das ärgerte mich.“

    „Wie, auch Du bist hinter Regenwürmern, Schnecken, Maden und Insekten her?“ staunte sein spitziges Gegenüber. – „Igittigitt, nein!“ rief der Mäuserich und schüttelte sich, „ich bevorzuge Krumen, Brösel mit Kernen und Samen, ebenso Obst-, Gemüse- und Kuchenabfälle, eben Brocken aus der Menschenküche, denn ich bin ein Nager, man erkennt es unschwer an meinen Zähnen.“

    „Dann kommen wir uns gewiss nicht in die Quere“ brummte der Igel zufrieden, ein solcher war der Stachelige nämlich. „Übrigens, ich heiße Sophokles Swinegel. Bin vorletztes Jahr von den Feldern jenseits der Stadt hergekommen und geblieben, weil hinter dem Komposter das Gras in den tiefen Ästen der Hecke zusammen mit viel Herbstlaub steckte und mir das einen guten Winterschlafplatz bot.“

    „So lange leben Sie hier schon?“ wunderte sich Amadé, „dann kennen Sie das Umland sicher recht gut.“ – „Gewiss, junger Freund“ schmunzelte Sophokles, „ich habe manches Fleckchen erkundet, Acker, Feld, Wiese, Bach und Wald. Nur von Gärten und Straßen habe ich mich möglichst fern gehalten.“

    „Da hätte ich eine Bitte, Herr Swinegel, dass Sie mir einiges davon zeigen!“ – „Sehr gerne, Herr Mulot. Kommen Sie morgen Nachmittag zur hinteren Ecke des Komposters. Ich werde dort sein und einen schönen Ausflug mit Ihnen machen. Jetzt aber lassen Sie mich bitte noch in Ruhe einige fette Würmer, Schnecken und Käfer fangen und verzehren. Nach dem langen Winterschlaf habe ich einen Mordshunger.“ – „Sicher doch“ entgegnete Amadé, „ich werde nicht weiter stören und freue mich auf Morgen, guten Appetit also und bis dann!“ Damit war die Maus verschwunden.

    Pünktlich am nächsten Tag, als die Sonne dem Horizont entgegensank, fand Amadé sich an der verabredeten Stelle ein. Herr Swinegel erwartete ihn bereits und gemeinsam begannen sie die Wanderung. Während Sophokles dabei immer wieder einmal ein Tierlein verspeiste, das er fand, schaute Amadé nach Obst- und Nussbäumen, achtete auf schmackhafte Wurzeln am Wegesrand und darauf, welches Getreide die Äcker trugen.

    Gerade waren sie um einen alten Kastanienbaum gebogen, der über einem starken, mächtigen Stamm eine ausladende Krone trug, da standen sie plötzlich vor einer süßen Mäusedame, viel hübscher noch, als Amadé sie sich erträumt hatte.

    „Oh, das entzückende Fräulein Souris des Champs“ entfuhr es Sophokles ganz überrascht. „Wünsche einen schönen guten Tag. Lebt die Familie noch zwischen den Wurzeln des alten Baumes am Rain?“

    „Hallo! Hallo, Onkel Swinegel“ antwortete die junge Dame und ihre Stimme klang wie Musik in Amadés Ohren. „Hab Euch ja lang nicht mehr gesehn, geht‘s Euch wohl?“ – „Danke der Nachfrage“ bemerkte Sophokles, „bin vor kurzem erst von meinem Winterschlaf erwacht.“ – „Ach, deswegen ließet Ihr Euch nicht blicken. Ja, wir wohnen immer noch in unserer Höhle. Wollt Ihr vielleicht meine Eltern besuchen?“ – „Eine ausgezeichnete Idee, mein Fräulein, wenn ich auch meinen jungen Freund Amadé Mulot mitbringen dürfte“ erklärte der Igel und zeigte auf den Mäuserich. Der wurde ganz rot unter seinem Fell, verbeugte sich tief und murmelte verlegen: „Enchanté, Mademoiselle!“

    „Oh, Sie beherrschen die Sprache der Galanterie, Monsieur Mulot“ sagte sie bewundernd. „Die Freude ist ganz meinerseits.“ – „Ach nicht doch, Mademoiselle. Es sind nur wenige Worte“ beeilte sich Amadé anzufügen. „Vielleicht ist Onkelchen so freundlich, mich Ihnen vorzustellen?“ – „Ja gewiss“ schnarrte der Igel, „Herr Mulot, darf ich bekannt machen, Fräulein Dorothée Souris des Champs.“ Und sie machte einen bezaubernden Knicks dazu.

    Eben tauchte eine weitere Maus auf, wie sich herausstellte ein älterer Bruder von Dorothée mit dem Namen Horaz. Die junge Dame sprang eilend davon, um ihren Eltern und weiteren siebzehn Geschwistern den Besuch anzuzeigen, während Horaz jetzt die Gäste geleitete.

    Es war nur noch ein kurzes Stück, das sie bis zum Eingang der Erdhöhle am Feldrain zurücklegen mussten, danach hatten sie das Heim der Familie erreicht. Horaz führte sie in die „Gute Stube“, wo wegen des Frühstücks und der Ankündigung Dorothées schon alle übrigen versammelt waren. (Dazu muss man wissen, dass Mäuse und Igel in der Regel dämmerungs- bzw. nachtaktive Tiere sind. Sie frühstücken des Abends und nehmen das Nachtmahl am Morgen ein. Nur Amadé hatte sich dem menschlichen Tagesrhythmus angepasst, notgedrungen und erzwungenermaßen, seitdem er in dem Kirchgebäude eingezogen war.)

    Es wurde ein lebhafter Schmaus, bei dem der Mäuserich zu seiner Überraschung erfuhr, dass die Urgroßeltern der Souris des Champs‘ aus dem Hohen Venn stammten, genau wie die Familie Mulot. Man hatte sich sogar gekannt. „Nein, wie wunderlich doch die Wege Gottes sind, die er uns führt“ dachte Amadé bei sich, „sein Geist weht, wo er will, so sagte es ja der Schwarzkittel in seinem letzten Gottesdienst.“