Kategorie: Amadé

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    III. Das neue Jahr

    Wieder waren Wochen ins Land gegangen und der Zauber der Weihnachtszeit längst vorüber. Ein neues Jahr hatte begonnen mit Knallerei, Böllern und Heulen, farbig flimmerndem, glitzernden Lichterspiel, Feuerfontänen und Funkenregen am Nachthimmel, Glockenläuten auf allen Kirchtürmen, dem Geruch von Pulverdampf in der Luft und viel Dreck am nächsten Morgen auf Dächern und Wegen, in Gärten und Parks und wo sonst sich Menschen über den Jahreswechsel aufgehalten hatten.

    Am Abend vor diesem Spektakel verabschiedeten sich die Zweibeiner vom alten, vergangenen Jahr in einem Gottesdienst, um am „Neujahrstag“ das neue ebenso zu begrüßen und Gottes Segen für die zukünftige Zeit zu erbitten. Dabei betete Amadé still und heimlich mit, dass Gott ihn beim Ausgießen des Segens nicht übersehe oder gar vergesse, denn wie gut es war, aus dem Segen des Herrn zu leben, wusste er durch die Erzählungen der Bibel. Immer, wenn jemand aus diesem besonderen Buch vorlas, hörte Amadé gespannt und aufmerksam zu, die Bibelgeschichten nämlich interessierten ihn und er liebte sie sehr.

    Ach ja, ein gesegnetes „Neues Jahr“, das wünschte sich der Mäuserich. Es bedeutete für ihn, unter dem Schutz des Schöpfers aller Welt leben zu dürfen und zu können: keine Gefahr durch Menschen, keine Nachstellungen von fleischfressenden Räubern. Eulen oder Katzen müsste er nicht länger fürchten, hätte immer genügend Futter in der Vorratskammer, lernte vielleicht eine nette Mäusedame kennen – ein Wunsch seines einsamen Herzens, der in der letzten Zeit immer größer und stärker wurde – und sie verliebten sich ineinander, dass sie ihre eigene Familie begründeten.

    Das mit dem Segen hatte Amadé auch erst lernen müssen. Wenn einer nämlich nicht an Gott glaubt, dann gibt es in der Welt nur unberechenbaren Zufall, wetterwendisches Glück und unvorhergesehenes Pech. An allem sind entweder man selbst, die missgünstigen Anderen oder die Verhältnisse Schuld.

    Aber jetzt, wo er von Gott gehört hatte, glaubte er, dass letztes Jahr nicht seine eigene innere Stimme sagte, er müsse die Familie, Verwandtschaft und Heimat verlassen, sondern Gott zu ihm gesprochen habe: „Gehe fort und ich will dich an einen Ort führen, wo du unter meinem Schutz gut leben sollst.“

    Seine ganze Wanderschaft erschien ihm in einem neuen Licht. Bei all den Besuchen und Aufenthalten unter den verschiedenen Mäusearten, war es am Ende nicht immer so gewesen, als ob die Stimme in seinem Inneren zu ihm sagte: „Du bist noch nicht am verheißenen Ziel. Ziehe weiter!“ – War es nicht vielleicht Gottes Stimme, das Wehen des Heiligen Geistes gewesen?

    Inzwischen war er auch der festen Überzeugung, dass es kein Zufall war, sein neues Zuhause gerade in einer Kirche gefunden zu haben, Gott hatte ihn vielmehr hierher geführt. So wirkte der Segen des Herrn in Amadés Leben und darum wollte er auch nie wieder ohne Gottes Segen sein.

    Ach, die Geduld des Mäuserichs wurde hart auf die Probe gestellt, denn zunächst schien sich nichts von einem Segen anzudeuten. Vielmehr zogen sich Winter und Vorfrühling ziemlich in die Länge, die Vorräte in der Speisekammer nahmen bedrohlich ab, für Spaziergänge war es zu ungemütlich kalt und nass und die Menschen begingen in diesen Wochen – wie sie es nannten – die Fasten- oder Passionszeit. Da fiel für eine Maus nichts Essbares ab, anders als zu Erntedank oder in den Advents- und Weihnachtstagen.

    Einst hatte der Gottessohn – die Leute nannten ihn auch „den Herrn“, Christus, Lamm Gottes, Heiland, Lehrer oder Rabbi – geduldig ertragen, was an Qualen, Not, Sorgen, Hass, Gewalttätigkeit, Leid und Unrecht unter den Menschen war, und ihre Schuld am Kreuz mit seinem Blut bezahlt. Trotzdem verdammte er nicht, sondern gab sein Leben aus freien Stücken, weil er seine Menschengeschwister über alle Maßen liebte, sie nicht sich selbst überlassen und dadurch an den ewigen Tod verlieren wollte. Das erinnerten die Großen jetzt in Andachten, Gebetsstunden und Gottesdiensten.

    Damit er sich nicht vergebens für sie geopfert habe, gelobten sie, seinem Weg und Beispiel zu folgen, aus Respekt und Ehrfurcht vor ihm nach Besserung zu streben, seine Liebe zu erwidern, das Falsche und Böse in ihrem Leben zu meiden und im Leiden an seiner Seite zu stehen. Und sollten sie trotz ehrlichen Bemühens scheitern, weil sie schwache Menschen und nicht göttlich stark waren, wollten sie doch, allein auf seine Vergebung vertrauend, ihn um Hilfe und Beistand bitten.

    Dann aber kam ein Sonntag, an dem sich alles änderte. Dieser Jesus von Nazareth nämlich hatte sich nicht nur wie ein Verbrecher von den Menschen hinrichten und umbringen lassen, sondern war nach drei Tagen, die er im Grab gelegen hatte, auch wieder von den Toten auferstanden. Wie er selbst den Lazarus, den Bruder von Maria und Martha, oder die Tochter des Jaïrus vom Tod erweckt hatte, so erweckte Gott seinen Sohn als eine unverbrüchliche Hoffnung für alle Glaubenden.

    Aus diesem Grund feierten die Menschen jetzt das Leben, den Sieg Jesu über den Tod, und sie nannten das Fest Ostern.

    Licht bedeutet Leben, ohne das Licht der Sonne wäre die Erde noch wüst und leer. Darum erhielt jeder Zweibeiner, der zum Frühgottesdienst kam, eine Kerze. Sie war mit einem Kreuz, der Jahreszahl und den griechischen Buchstaben Alpha für Anfang und Omega für Ende verziert. Im Gottesdienst wurden sie entzündet, und wie draußen der Morgen dämmerte, wurde es auch im Kirchraum mit jeder Flamme hell und heller.

    Hinterher traf man sich im Gemeindehaus zum „Osterfrühstück“. Dabei fiel so mancher Brocken für Amadé ab, z.B. von dem süßen Kuchen, der, mit Puderzucker bestreut, wie ein weißwollenes Lämmlein aussah.

    Später durften die Kinder im Pfarrgarten Ostereier suchen, gefärbte Hühnereier oder solche aus Schokolade, Marzipan und bunter Zuckermasse. Das Ei stand dabei gleichfalls als Symbol für das Leben, das Gott immer neu schenkt.

    Aber wie es manchmal so geht, nicht alle Verstecke wurden entdeckt. Was nun jedoch an Verstecktem übersehen oder vergessen wurde, wanderte zusammen mit Resten vom Frühstück zu den Vorräten des Mäuserichs, so dass er sich die kommenden Wochen und Monate nicht mehr um das Leben zu sorgen brauchte. Bald gäbe es auch wieder junge Wurzeln, Salat und Gemüse, Obst und Getreide. Die mageren Tage dieses Jahres waren endlich überstanden und vorbei.