Kategorie: Amadé

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    II. Advent bei Amadé

    Die ersten Wochen waren vergangen, seit Amadé zum Erntedankfest sein neues Heim bezog. An einiges musste er sich zunächst gewöhnen, nun jedoch hatte er sich gut eingelebt.

    Alle sieben Tage am Vormittag versammelten sich Menschen in dem großen Raum, den sie „Kirche“ nannten. Dann war an Schlaf leider nicht zu denken, denn es wurde mitunter recht laut – und außerdem war Amadé überaus neugierig.

    Von einem Balkon herab klangen wundersame Töne, manchmal dröhnten sie brummend und brausend wie ein Orkan, manchmal schmeichelten sie sanft lieblich wie Vogelgezwitscher. Immer wieder einmal sangen die Menschen auch zu den Tönen und sie sprachen gemeinsam Gebete. „Gottesdienst feiern“ sagten sie zu dem Ganzen – und Amadé gefiel es.

    Der Mäuserich lernte, dass dieser Tag „Sonntag“ hieß. Er verstand zwar nicht genau warum, denn oft war er grau, es regnete und von der Sonne war nichts zu sehen, gerade jetzt in der Herbstzeit. Aber solang seine Wohnhöhle trocken und warm blieb, er selbst unentdeckt, die Vorrats-kammer gut gefüllt und die Kirche frei, waren ihm die menschlichen Namen der Wochentage ziemlich egal.

    Eines Tages, es war ein Sonnabend, geschah es, dass Menschen den Kirchraum herrichteten und schmückten grad wie damals, als er ankam. An dem Seil, das vor den Stufen des „Altarraums“ – das war der Bereich, wo der Altar stand – von der Decke hing, befestigten sie diesmal aber einen großen grünen Kranz aus Tannenzweigen. Vier rote Bänder, die sie mit hübschen Schleifen als Verzierung um ihn gebunden hatten, hielten ihn, dazu trug er vier kurze dicke rote Stumpenkerzen.

    Sie stellten große massive Holzsterne neben dem Altar auf, die aus Baumscheiben ausgesägt und so groß und schwer waren, dass Amadé sie gut zu Turn- und Kletterübungen nutzen konnte. Große Vasen voller Kiefernzweige dekorierten den Eingang zum Kirchsaal und an den Stufen zum Podest standen hohe Glasampeln mit Wachskerzen.

    Bevor die Menschen am Sonntag zum Singen, Beten und Geschichtenhören zusammenkamen, wurden alle Kerzen entzündet, nicht jedoch auf dem großen Kranz, dort brannte nur eine allein.

    Der Schwarzkittel mit dem weißen Lätzchen sagte, als die Versammlung begann: „Heute brennt die erste Kerze auf dem Adventskranz, denn wir feiern den ersten Sonntag im Advent.“ Daraufhin rechnete Amadé sich aus, dass es wohl vier Adventsonntage geben müsse, weil der Kranz vier Kerzen hatte.

    Der Zweibeiner fuhr fort: „Durch diesen Tag und die neue Woche geleitet uns ein Wort des Propheten Sacharja. Er sagt: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“

    Das mit dem König kannte der Mäuserich. In seiner Familie erzählten sie, auch die Tiere hätten einen König, den majestätischen Löwen. Es gab Zeiten und Situationen, in denen sie sich sehnlichst gewünscht hatten, er käme einmal bei ihnen vorbei – so ein Wort, wie es dieser Sacharja sagte, hätte sie gefreut und ihnen Hoffnung gegeben – jedoch, der Regent zog wohl die Hofhaltung bei den Menschen vor.

    Einst erzählte nämlich ein Feldhamster, der es selbst von einer auf einem Elbkahn lebenden Schiffsratte hatte, dass einige Löwen in der Stadt Hamburg in „Hagenbecks Tierpark“ residierten. Eine Wühlmaus aus dem Süden wiederum berichtete, sie hätte Löwen an einem Ort gesehen, den die Menschen „Tierpark Hellabrunn“ oder so ähnlich nannten.

    Aber jetzt wartete Amadé auf den König, den Sacharja angekündigt hatte. An diesem Sonntag kam er nicht, obwohl die Zweibeiner sangen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit. Ein König aller Königreich … “

    Auch eine Woche später erschien kein König, jedoch brannten tatsächlich zwei Kerzen auf dem grünen Kranz, grad wie Amadé es erwartet hatte. Wieder sieben Tage danach waren es drei und den Sonntag darauf alle vier Stumpen.

    Nun hatten die Mauseohren alle vier Adventsonntage genau aufgepasst, was die Menschen aus der Bibel vorlasen und hörten, was sie beteten und sangen, was der Schwarzkittel in seiner Predigt sagte. Darum hatte Amadé zweierlei begriffen: Einerseits war der König einst schon gekommen, daran wollte man sich erinnern, und andererseits sollte er in der Zukunft noch einmal wiederkommen, darauf wollten und sollten die Zweibeiner dann vorbereitet sein.

    Vorbereitet sein, wenn dieser König aller Könige käme, das wollte Amadé auch. Darum legte er für ihn ein Geschenk zurecht. Für jeden Tag im Advent ein paar Körner aus seiner Vorratskammer: Weizen, Hafer, Gerste, Roggen und etwas Mais. Für jeden Adventsonntag jedoch eine leckere Haselnuss, ein Weihnachtsplätzchen und eine Weintraube, alles zusammen eine ganz ansehnliche Menge.

    Manches davon hatte er sich stibitzt, als am dritten Adventsonntag des Nachmittags viele Menschen, sowohl Kinder wie auch Erwachsene, in der Kirche zusammengekommen waren, um miteinander zu singen, Geschichten zu hören, die Plätzchen und andere Köstlichkeiten zu speisen und etwas zu trinken.

    Dann endlich nahte der große Tag. Schon zur Mittagszeit war die Kirche voller Leute, viele kamen zu den Weihnachtsgottesdiensten am Heiligen Abend. Amadé suchte sich einen guten Beobachtungsplatz und verfolgte aufmerksam und gespannt, was geschah. Da erlebte er nun ein Krippenspiel, das einige Kinder aufführten, und erfuhr, dass der erwartete König vor langer Zeit als Säugling geboren und „Gottes Sohn“, „Retter“, „Heiland“ und „Christus“ oder „der Gesalbte“ genannt wurde.

    Für die Menschen war er ein Geschenk der Liebe von Gott, war zugleich Gottes Sohn und ein Mensch wie sie, worüber sie sich von Herzen freuen sollten – und sie konnten es, weil er ihre Schuld beglich, sie dadurch mit Gott versöhnte und wohl auch den Tod überwunden hatte.

    Dies war der Grund, aus dem sie sich nun gegenseitig beschenkten, aber besonders die Kinder, um etwas von der ursprünglichen Freude zu erhalten und weiterzugeben. Amadé hatte niemanden, den er beschenken konnte, außer sich selbst. Als der Mäuserich jedoch sein Geschenk für den König, der heute noch nicht wiederkam, in die Vorratskammer räumte, um es später selbst zu futtern, damit es nicht verdürbe, überkam ihn dabei eine eigenartige Freude – konnte das vielleicht die Weihnachtsfreude sein?