I. Amadé kommt an
Zu einer Zeit, da das Wünschen noch geholfen hat – die kann zuweilen übrigens bis in die Gegenwart hineinreichen –, ging eine kleine Feldmaus auf eine große Wanderschaft. Sie kam nämlich aus einer irrsinnig weitläufigen Familie. Schon die Eltern und Großeltern hatten zahlreiche Schwestern und Brüder, sodass es jede Menge Onkeln und Tanten gab. Sie selbst hatte ebenfalls unzählige Geschwister und die Zahl der Vettern und Basen war geradezu unüberschaubar.
Alle wollten genügend zu futtern haben, doch das Land, das sie ernährte, wuchs ja nicht, sondern nur die Familie. Daher war abzusehen, dass bald der Tag käme, an dem die Nahrung nicht mehr für alle reichte und eine Hungersnot unter ihnen ausbräche. Der wollte Amadé, so hieß die kleine Maus, entgehen, und weil sie klug war, sagte sie sich: „Das Beste ist, du suchst dir dein Futter anderswo, wo es nicht auf so viele Mäuler verteilt werden muss.“
Darum packte sie ihre Siebensachen und machte sich aus dem Staub. Jedoch nicht nur bis zum nächsten Feld, dorthin hätten ihr viele Familienmitglieder folgen können, nein, sondern über Wiese, Acker, Wald und nächstes Menschendorf hinaus, soweit die Füße Amadé in die Welt tragen wollten.
Den ganzen Sommer über war die kleine Maus auf Wanderschaft. Sie besuchte entfernte Verwandte – die Wühlmaus, die Brandmaus, die Spitzmaus, die Hausmaus, die Waldmaus, die Rötelmaus – und blieb jeweils einige Wochen, um sich deren Lebensweisen anzuschauen. Aber keine gefiel ihr wirklich, deswegen zog sie immer weiter.
Als der Sommer vorüber war, in den ersten Tagen eines goldenen Oktobers, gelangte Amadé an einen Ort, den die Menschen gebaut hatten. Es war das Dorf Seelenberg. Neugierig erkundete der Mäuserich die Gegend und kam dabei zu einem Gebäude, dessen doppeltüriges, hohes und breites Tor weit offenstand. Schnell huschte er hinein.
Der Raum war dämmrig, das behagte ihm, denn grelles Licht mochte eine Maus noch nie. Und riesig war er, mit vielen Möglichkeiten, sich vor unliebsamen Blicken und Verfolgern zu verbergen. Gegenüber der großen Doppeltür am anderen Ende des Raums gab es eine Art Podest, zu dem drei Stufen hinaufführten. Dort war eines von den zweibeinigen Wesen damit beschäftigt, Feld- und Gartenfrüchte, Kohlköpfe, Möhren, Kartoffeln, verschiedene Getreidesorten, Brotlaibe und andere Leckereien zusammenzutragen und sie auf, um und vor ein paar Strohballen zu dekorieren.
In der Mitte des Raums vor den Stufen, wohin der Weg von der Tür aus führte und wo es freien Platz gab, hängten zwei weitere ein mit bunten Bändern verziertes Flechtwerk aus Getreidehalmen, die volle schwere Ähren trugen, an ein Seil und zogen es daran in die Höhe, bis es über den Köpfen der Zweibeiner schwebte. „Die Erntekrone ist prächtig und hängt gut“ sagte der eine und der andere nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Hier bleibe ich“ dachte Amadé, „ich habe genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, ich rieche weder Katze noch Hund, die ich fürchten müsste, und Feinde wie etwa Eulen oder andere Greifvögel kommen nicht herein.“
Darum suchte er nach Ritzen, Spalten, Höhlen und Gängen in dem Gebäude, damit er sich häuslich einrichten konnte. Zu seiner großen Freude fand er ein Loch in der Seitenwand, durch das er Zugang gewann zu einem Riss, der sowohl ins Freie führte als auch zu weiteren Hohlräumen.
Hier wartete er, bis die Menschen gingen, dann begutachtete er die aufgestapelten Dinge. Mit dem Stroh, das er sich aus einem Ballen stibitzte, baute er sich eine ordentliche und gemütliche Schlafstatt, der Hohlraum wurde sein Schlafzimmer. Ein anderer, in den er Körner und Früchte trug, besonders Weintrauben, sollte ihm fortan als Speisekammer dienen.
Später, die Dämmrung des Abends war schon fast der Dunkelheit der Nacht gewichen, stillte er seinen Hunger mit Brot, Kohl und grünen Gurken, die er annagte. Dabei stieg ihm ein verlockender Duft in die Nase, dem er nicht widerstehen konnte. Er wehte von einem gewaltigen, tischartigen Stein nieder. Hinter dem Steintisch ragte ein bronzener Balken in die Höhe, der oben von einem ähnlichen, aber kürzeren, gekreuzt wurde. Amadé war ein hervorragender Kletterer, so gelang es ihm bald, daran auf die Tischplatte zu kommen.
Seine Nase erschnupperte ein mächtiges Bündel Papier, das über und über mit schwarzen Zeichen bedeckt war, aber auch Körbe voller grüner Birnen, roter Äpfel, dunkelvioletter Pflaumen und gelber Quitten. Sogar eine Kokosnuss lag dabei und Pakete mit Mehl, Graupen, Dinkel, Nudeln, getrockneten Erbsen und Linsen. Am feinsten jedoch roch eine Packung Käse. Die bugsierte Amadé an den Rand der Platte und ließ sie hinabplumpsen. –
Kladatsch! Da lag der Käse auf dem Boden des Podestes. Es war noch ein gehöriges Stück Arbeit, bis er ihn endlich in der Vorratskammer hatte. Als Belohnung brach er sich ein Stück ab und verzehrte es genüsslich. Müde und sehr zufrieden begab er sich zu Bett und schlief sofort ein.
Ein ungewohnter Lärm weckte Amadé am nächsten Morgen mitten aus dem Schlaf. Das Gebäude war voller Zweibeiner, die Verschiedenes gemeinsam sangen und sprachen, dazwischen aber redete und sang einer allein. Der trug einen langen schwarzen Mantel oder Rock mit einem weißen Lätzchen unter dem Kinn. Amadé spitzte die Ohren und hörte, dass die Menschen sich bedankten bei jemandem, den sie „Gott“ nannten, den „Vater“ oder den „Schöpfer“. Sie bedankten sich für eine reiche Ernte, für all die schönen Sachen, die sie da aufgebaut hatten und die Amadé gestern noch inspiziert hatte. Das gefiel dem Mäuserich und er beschloss, es den Menschen gleich zu tun.
Auch Amadé sprach zu Gott und dankte ihm für das neue Heim, das er ihn hatte finden lassen, dankte von Herzen für reichlich Nahrung und köstliche Leckereien, die er ihm bescherte, dankte für die Arbeit der Menschen, die ihm seinen Tisch so vielfältig deckten, dankte für alle Bewahrung und Hilfe während seiner Wanderschaft. Er dankte für das Leben, das er vom „Schöpfer“ durch seine Eltern empfangen hatte, wie seine Eltern es von ihren Eltern empfingen, und alle Mäuse durch die Schöpfungstat Gottes. „Beten“ sagten die Menschen zu dieser Art, mit Gott zu reden. Und von Stund an wollte Amadé, der Mäuserich, wenigstens ein Mal an jedem Tag gleichfalls beten und mit dieser Übung niemals wieder aufhören.